Historisches Schularchiv · Hamburg-Eppendorf

Schule in den Zeiten der
nationalsozialistischen Diktatur

Beitrag zur Geschichte der Schulgebäude an der Breitenfelder Straße

Profilklasse Geschichte(n) ums Buch · Jahrgang 9 · Stadtteilschule Eppendorf · 2011
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2011  ·  Betreuender Lehrer: Christian Freier

Einführung

Klicken Sie auf eine Karte, um mehr zu erfahren

1909 – 1933
Zur Geschichte der Schule
Die Schule Breitenfelder Straße wurde 1909–1912 geplant und gebaut. Erfahren Sie mehr über ihre Geschichte als Reformschule und Doppelschule.
Mehr lesen →
Erinnerung
Walter Jens erinnert sich
Der ehemalige Schüler Walter Jens schildert eindringlich seine Schulzeit in der Breitenfelder Straße und die jüdischen Mitschüler.
Mehr lesen →
Nach 1933
Umgang mit jüdischen Schülerinnen
Wie die NS-Gesetze gegen Juden und Nichtarier an der Volksschule in der Löwenstraße 58 umgesetzt wurden – dokumentiert in Konferenzprotokollen.
Mehr lesen →
1938
Organisation des Luftschutzes
Schon 1938 wurden in der Schule umfangreiche Kriegsvorbereitungen getroffen: Gasmasken, Selbstschutzkräfte und Luftschutzhausplan.
Mehr lesen →
Mai 1936
Der Elternbrief-Skandal
Ein Vater beschwerte sich bei Behörden über die Unterlassung des „Deutschen Grußes" durch einen Schulbeamten – und wurde als Querulant abgestempelt.
Mehr lesen →
1942
Todesstrafe für Kinder
Ab 1942 konnten Kinder für das Stehlen von Feuerholz mit dem Tode bedroht werden. Auch diese Anordnung wurde in den Schulen verkündet.
Mehr lesen →

Zeitleiste der Ereignisse

Chronologische Übersicht der dokumentierten Vorgänge

1909 – 1912
Bau der Schule Breitenfelder Straße
Geplant und gebaut zusammen mit der Schule Löwenstraße als Doppelschule. Architektur von Fritz Höger.
Ab 1919
Die Schule als Versuchsschule
Unter Fritz Jöde entwickelte sich die Schule zu einer liberalen Reformschule: keine Prügelstrafe, Koedukation, selbstbestimmtes Lernen.
Um 1930
Walter Jens' Schulzeit
Der spätere Literaturwissenschaftler erinnert sich an seine jüdischen Mitschüler Abraham, Nathan, Levy und Wolf.
1. Juli 1935
Eintrag: Rasse als Aufnahmekriterium
Lehrerversammlung: Laut Verfügung der L.U.B. sind neben Wissen und Können auch Rasse und Erbmasse für die Aufnahme ausschlaggebend.
26. September 1935
Eintrag: Nichtarier zählen & Rassenunterricht
247 jüdische und nichtarische Schüler im Schulbezirk. Neue Lehrmittel für „Rassen- und Erbbiologischen Unterricht" beschlossen.
29. Oktober 1938
Eintrag: Ahmentafeln in Abschlussklassen
Jede Schülerin der 9. Klasse muss eine Ahmentafel anfertigen und nachweisen, dass sie keine Jüdin ist.
25. Mai 1936
Elternbrief-Skandal: Unterlassung des „Deutschen Grußes"
Ein Vater wirft der Schulbehörde vor, den Hitlergruß absichtlich zu unterlassen. Der Schulrat bezeichnet ihn als „Querulanten".
12. November 1938
Luftschutzorganisation an der Schule
Gasmasken werden verteilt, 6 Selbstschutzkräfte ausgebildet, Luftschutzhausplan angelegt.
10. Oktober 1940
Kinderverschickung
42.000 Kinder sollen bis Ende Oktober weggeschickt werden. Grundschüler kommen in Familienpflege, ältere in Heime.
3. November 1942
Todesstrafe auch für Kinder
Feld- und Forstdiebstähle werden nach dem Strafgesetzbuch mit Gefängnis oder Zuchthaus, bei Verdunkelung sogar mit dem Tode bestraft.
Ab 1945
Nachkriegszeit: Neuanfang aus Trümmern
Schulbetrieb ab Oktober 1945 wieder aufgenommen. Platznot: 9 Grundschulklassen teilen sich 5 Klassenräume, Unterricht vor- und nachmittags.

Originaldokumente & Artefakte

Aus den Konferenzprotokollbüchern, dem Hamburger Staatsarchiv

Konferenzbuch 2 · 1935
Protokoll vom 1. Juni 1935
Handschriftlicher Eintrag zur „Auslese für die höhere Schule" — Rasse als Aufnahmekriterium. Im Anhang als Faksimile und Transkription erhalten.
Dokument ansehen →
Konferenzbuch 2 · 1935
Protokoll vom 26. September 1935
Zählung nichtarischer Schüler, Rassenunterricht-Lehrmittel, Ariernachweispflicht für Lehrkräfte.
Dokument ansehen →
Konferenzbuch 2 · 1938
Protokoll vom 29. Oktober 1938
Ahmentafelpflicht für Abschlussschülerinnen, Empfehlung jüdischer Kinder zur Gemeindeschule.
Dokument ansehen →
Staatsarchiv Hamburg · 1936
Elternbrief vom 25. Mai 1936
Maschinenschriftlicher Beschwerdebrief eines Vaters über die Unterlassung des „Deutschen Grußes". Mit handschriftlichem Zusatz.
Dokument ansehen →
Konferenzbuch 3 · 1942
Protokoll vom 3. November 1942
Todesstrafe für Kinder bei Felddiebstählen während der Verdunkelung — auch an Schulen verkündet.
Dokument ansehen →
Konferenzbuch 4 · 1940
Eintrag zur Kinderverschickung (10. Oktober 1940)
Details zur NS-Kinderlandverschickung: 42.000 Kinder, Familienpflege für Grundschüler, KLV-Lager für Ältere.
Dokument ansehen →

Judenverfolgung im Schulalltag

Wie das NS-Regime den Schulbetrieb instrumentalisierte

25. April 1933
Gesetz gegen Überfüllung der Schulen
Jüdische Schüler auf max. 1,5 % des Bevölkerungsanteils begrenzt — obwohl in Eppendorf der Anteil deutlich höher lag.
Ab 1933
Ausschluss von Klassenfahrten
Jüdische und nichtarische Kinder durften keine Jugendherbergen mehr besuchen — de facto Ausschluss von allen Schulausflügen.
1. Juli 1935
Rasse als Aufnahmekriterium
Lehrerversammlung: Verfügung der L.U.B., dass Rasse und Erbmasse für die Schulaufnahme ausschlaggebend sind.
26. September 1935
247 nichtarische Schüler im Bezirk
Landesunterrichtsbehörde fordert genaue Nachzählung. Neue Lehrmittel für Rassenideologie. Ariernachweispflicht für Lehrer.
Oktober 1938
Ahmentafeln als Schüleraufgabe
Schülerinnen der 9. Klasse müssen ihre arische Abstammung offenlegen. Jüdische Eltern werden zur Gemeindeschule gedrängt.
September 1935
Ariernachweispflicht für Lehrer
Lehrer mussten der Behörde den Nachweis ihrer arischen Abstammung einsenden. Wer es nicht konnte, wurde entlassen und verfolgt.

Kriegsvorbereitung in der Schule

Wie Lehrer aktiv an der Kriegsvorbereitung beteiligt wurden

12. November 1938
Luftschutzorganisation
Gasmasken verteilt, 6 Selbstschutzkräfte ausgebildet (10–14 Tage Ausbildung), Luftschutzhausplan angelegt. „Selbstschutz geht vor Hausluftschutz."
Oktober 1940
Kinderlandverschickung (KLV)
42.000 Hamburger Kinder evakuiert. Grundschüler in Familienpflegekinder, Hauptschüler in Lager. Viele Eltern mussten gegen ihren Willen zustimmen.
November 1942
Kriegsgesetzgebung: Todesstrafe auch für Kinder
Feld- und Forstdiebstähle bei Verdunkelung mit dem Tod bestraft — auch Kinder betroffen. Über Schulleiterkonferenz an Schüler weitergegeben.
14. Dezember 1935
25-km-Marsch der Oberprima
Die Oberprima des Realgymnasiums Curschmannstraße absolvierte einen 25-km-Marsch in 4 Stunden 5 Minuten — körperliche Kriegsvorbereitung.

Über das Projekt

Entstehungsgeschichte und Methodik

Das Projekt

Anlässlich des bevorstehenden hundertjährigen Jubiläums des Schulgebäudes an der Breitenfelder Straße Ecke Löwenstraße hat die Profilklasse „Geschichte(n) ums Buch" des Jahrgangs 9 der Stadtteilschule Eppendorf diesen Beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2011 verfasst.

Quellen

  • Konferenzprotokollbücher 1–4 der Volksschule für Mädchen, Löwenstr. 58 (1923–1948)
  • Hamburger Staatsarchiv, Ablage 1994
  • Schularchiv der Stadtteilschule Eppendorf
  • Erinnerungsbericht von Walter Jens
  • Beschwerdebrief eines Elternteils (1936)

Betroffene Schulen

  • Volksschule für Mädchen, Löwenstraße 58
  • Volksschule, Breitenfelder Straße
  • Realschule, Curschmannstraße
  • Realgymnasium für Mädchen, Curschmannstraße

Arbeitsbericht

Die Klasse begann 2009 mit dem Profil „Geschichten ums Buch", lernte Sütterlin-Schrift, besuchte im Mai 2010 das Hamburger Staatsarchiv und transkribierte historische Quellen. Im Dezember 2010 erhielt die Klasse ein Smartboard, das die gemeinsame Arbeit erleichterte.

Betreuender Lehrer

Christian Freier  ·  Profilklasse Geschichte(n) ums Buch  ·  Stadtteilschule Eppendorf  ·  Februar 2011